Wider das Vergessen!
Gedenken an die Reichsprogromnacht

09. November 2008

Enthüllung Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof
mo. GAU-ALGESHEIM – Die Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof, die dem Erinnern und Versöhnen gewidmet ist, endet mit: „Während der NS-Gewaltherrschaft und auch in späteren Jahren wurde der Friedhof mehrfach geschändet, die meisten Grabsteine zerstört und einige wenige an die Mauer gelehnt. Viele jüdische Bürger wurden in der Schoah ermordet ohne eine Grabstätte zu finden. Die Toten innerhalb dieser alten Mauern und die ermordeten ohne Gräber werden hier geehrt. Mögen sie alle ihre ewige Ruhe finden.“  

In einer würdigen Feierstunde gedachten mit Bürgern aus Gau-Algesheim und Ockenheim über 50 Nachfahren der Familie Nathan aus Amerika ihren Ahnen an der Stätte, wo sie einst in der Nähe lebten und ihre letzte Ruhe fanden. Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hat die Familie nach Amerika verschlagen. Dort bauten sie sich eine neue Existenz auf.

Musikalisch eingeleitet wurde die Feierstunde durch ein Saxophon-Ensemble der Katholischen Kirchenmusik mit „Hava Nagila“. Zur Enthüllung des Gedenksteins sprach Walter Nathan aus Chicago, dessen Anliegen es war, ein würdevolles Erinnern seinen Vorfahren und aller jüdischen Schwestern und Brüdern durch ein dauerhaftes sichtbares Zeichen zu gewähren. Manfred Wantzen hat sich in dieser Angelegenheit vor Ort größte Verdienste erworben und einen engagierten Beitrag zur Versöhnung geleistet.

Gedenken an die schrecklichen Ereignisse des 9. November 1938 floss in den Ansprachen ein, die Stadtbürgermeister Dieter Faust, Bürgermeister Dieter Linck und der Ockenheimer Ortsbürgermeister Reinhard Dickenscheid hielten. Die ökumenische Beteiligung der Christen von Gau-Algesheim und Ockenheim durch ihre Geistlichen, Pater Franziskus, Pfarrer Henning Priesel und Pfarrerin Ursula Hassinger, hob Dr. Emanuele Ottolenghi sprach gegen Ende der Feierstunde mit „Kaddisch“ in herbräischer Sprache das Gebet für die Verstorbenen. Walter Nathan hervor, der zugleich an den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln erinnerte mit der Aussage: „Es liegt an uns Lebenden die Arbeit so fortzusetzen, dass die Toten nicht umsonst gestorben sind.“

Zu ihren Eindrücken äußerten sich eine Tochter, der Sohn und ein Enkel Walter Nathans.
Die Tochter, Susan Sholl, sprach von einem bewegenden Moment. Sie habe sich gewundert, wie stark ihre Gefühle sie überkommen hätten. Enkel Andrew Nathan sagte ein spontanes „Cool“ und meinte, dass Gau-Algesheim nun ein Ort für ihn geworden sei, der die riesige Familie zusammengeführt habe. Einige habe er noch nicht gekannt. Dennoch ist es im Hause Nathan üblich, zu besonderen Anlässen im engeren Familienkreis um Chicago zusammen zu finden.

Sohn Herbert Nathan kommt beruflich öfters nach Frankfurt, wo sein Großvater und dessen Bruder, beide aus Gau-Algesheim stammend, die Schuhfabrik „Ada-Ada“ bis 1937 betrieben hatten. Gau-Algesheim sei ihm durch den Vater nun ins Bewusstsein gerückt worden und habe in Verbindung zu seinen Vorfahren an Bedeutung gewonnen. Ein Bild am Friedhofseingang zum Gedenken an die Toten zeigt den Großvater, den er nicht mehr kannte. Und tatsächlich gäbe es im Aussehen Übereinstimmungen zu ihm, wie festgestellt worden sei. Die Familiengeschichte verstehe er nun besser.

Allgemein äußerten sich die Nathans, dass das Ansinnen des Seniors, Walter Nathan, in der Familie diskutiert wurde und seine Idee, auf dem Friedhof in Gau-Algesheim, den er jährlich einmal bis 1936 mit dem Vater besuchte hatte, eine Gedenktafel an einem Naturstein anzubringen, einhellig unterstützt wurde.   

Gedenkstunde vor dem Tor zum jüdischen Friedhof
mo. GAU-ALGESHEIM – Das Gedenken zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht hat in Gau-Algesheim noch einen besonderen Aspekt. Ausgangs der Ingelheimer Straße rechts neben der Fuß- und Fahrradverbindung in die Rotweinstadt kurz vor der „Sanderbrücke“ befindet sich der jüdische Friedhof. Er diente den jüdischen Gemeinden Gau-Algesheim und der größeren von Ockenheim, die aber über keinen eigenen Friedhof verfügte, als letzte Ruhestätte ihrer Verstorbenen. In beiden Kommunen sind indes die Synagogen während des  Naziterrors erhalten geblieben.  

Das um 11.30 Uhr vor Ort beginnende Gedenken sieht die Enthüllung eines Gedenksteins vor. Die Bronzetafel zur Erinnerung an die ehemaligen auf dem Friedhof bestatteten jüdischen Mitbürger sowie die Opfer der Schoa während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 hat Walter Nathan gestiftet. Erklärende Tafeln an der Außenmauer informieren über die Geschichte des Friedhofs und die Geschichte der jüdischen Gemeinden Ockenheim und Gau-Algesheim. Auf einer Tafel sind die Namen der Opfer der Schoa verzeichnet.

Auf der Suche nach Spuren seiner Vorfahren kam Walter Nathan 2006 nach Gau-Algesheim und äußerte die spontane Idee, einen Gedenkstein mit Tafel zu errichten. Er war in Frankfurt am Main aufgewachsen, wo sei Vater Richard Nathan und Onkel Willi Nathan, beide in Gau-Algesheim geboren, Schuhfabrikation betrieben. Bevor die Nathans auf Druck der Nazis 1938 in die USA emigrierten, besuchte er als 13jähriger 1936 nochmals Gau-Algesheim und erinnerte sich an den guten Zustand des damaligen jüdischen Friedhofs.

Der Friedhof war nicht nur während der Naziherrschaft geschändet worden, auch danach hatte es Schmierereien und Beschädigungen an den Grabsteinen gegeben. Er fand 2006 an die Friedhofswand gelehnte Grabsteine vor und sah darin nach der jüdischen Bestattungstradition eine Störung der Totenruhe. Walter Nathan suchte den Kontakt zu Dr. Ludwig Hellriegel und Alois Elbert, die in der Gau-Algesheimer Geschichtsschreibung kompetente Ansprechpartner waren.

Im Dezember 2007 kam Walter Nathan erneut in die Stadt. Dabei erläuterte er Stadtbürgermeister Dieter Faust und Bürgermeister Dieter Linck sowie weiteren Herren sein Anliegen, eine Gedenktafel für den jüdischen Friedhof zu stiften. Nathan verband damit seinen Wunsch, den Blick aus der Versöhnung nach dem Geschehenen heraus in die Zukunft zu richten. Für das Vorhaben wurde der für die Region typische Kalkbruchstein verwandt. Das Fundament errichtete der städtische Bauhof. Nach der Vorlage von Walter Nathan hat Bildhauer Rainer Knussmann aus Nackenheim den Entwurf gefertigt, der zur Bronzegießerei gebracht wurde und die gefertigte Bronzetafel auf dem Stein angebracht.

Zu dieser Feierstunde werden rund 50 jüdische Gäste aus Amerika erwartet, Verwandte von Walter Nathan, die alle Gau-Algesheimer „Wurzeln“ haben. Die männlichen Teilnehmer der Gedenkstunde, so ihre Gestalter, Verbandsgemeinde, Stadt Gau-Algesheim und Ortsgemeinde Ockenheim, katholische Kirchengemeinden Gau-Algesheim und Ockenheim, evangelische Kirchengemeinde Gau-Algesheim/Ockenheim, Ökumenekreis und Walter Nathan, werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen. Abschluss des Tages ist der gemeinsame Besuch des Christian-Erbach-Chor-Konzertes „ein Deutsches Requiem“ von Brahms und die Mauersberger-Trauer-Motette, dem brennenden Dresden gewidmet „Wie liegt die Stadt so wüst“.  

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