Die Geschichte des Friedhofs während des dritten Reiches

Ein gewaltiges Erschrecken ging durch die jüdische Bevölkerung Deutschlands, als am 1. April 1933 von Seiten der neuen Machthaber ein Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt wurde. Vor allem die SA brachte die vorgedruckten Plakate:

"Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei den Juden“

an jüdischen Geschäften an. Gau-Algesheim, etwas abseits vom großen politischen Getriebe hatte den offiziellen Termin des Judenboykotts verpasst. In einer Hochburg des Zentrums, in der es auch eine beachtliche Anzahl Sozialdemokraten gab, waren die wenigen Braunhemden zunächst ihrer Sache noch unsicher. Um nicht völlig den Anschluß an die neue Welle des Antisemitismus zu verpassen, fühlte sich schließlich ein hiesiger Nazi, ein Lehrer wohlgemerkt, doch noch berufen, entsprechende Plakate zu malen. Er ist auch für die Schändung und Zerstörung des Friedhofes im Jahre 1938 verantwortlich, konnte aber nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, da er kurz nach Kriegsende starb.

Dass ein Plakat und der Anschlag an einem Geschäft in Gau-Algesheim nicht nur die Juden schockierte, sondern auch christlichen Gau-Algesheimern als Frevel erschien, hat der Fotograf festgehalten. Leider sind die Fotos heute kaum noch zu erkennen. Er, ein rechtschaffener Bauer und Zentrumsmann, empfand diese Plakate als eine Schande, die festgehalten werden musste. Es ist sicherlich wichtig, diese Reaktion auf die Plakate zu beachten. Sie ist nämlich ein Beweis dafür, dass der Nationalsozialismus mit seiner Judenhetze in Gau-Algesheim von vielen Bürgern abgelehnt wurde. Die Wahlstatistiken aus dieser Zeit (Folien 13 bis 15) können diese Tatsache noch verdeutlichen.

Die übrigen Parteien und ungültige Stimmen sind hierin nicht berücksichtigt. Zwar bekannte sich jeder Vierte Gau-Algesheimer am 5. März 1933 zu Hitler, aber gemessen an Wahlergebnissen aus der Umgebung (Folie 15) war dies ein geringer Prozentsatz. So waren es denn auch zum Teil Nationalsozialisten aus den Dörfern der Umgebung, die in Gau-Algesheim Hetze gegen die Juden betrieben. Dies war auch durchaus von den Funktionären der NSDAP beabsichtigt. Es war nämlich wesentlich leichter, gegen Juden, die man nicht kannte, zu hetzen, als gegen Leute, neben denen man seit Jahrzehnten wohnte.

Nach der Auflösung der anderen Parteien setzte sich die NSDAP auch in Gau-Algesheim durch und fand auch hier zahlreiche Anhänger.

Am Ende des dritten Reiches gab es, wie in vielen anderen Deutschen Dörfern und Städten, in Gau-Algesheim keine Juden mehr. Sie waren geflüchtet, emigriert, nicht wenige nachweislich in Auschwitz ermordet worden. Die einst so aktive und angesehene jüdische Gemeinde war vom brutalen Rassenwahn der Nationalsozialisten komplett ausgelöscht worden.

Ein Beitrag von Frederik Heller und Robert Stern