Geschichte

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gau-Algesheim ist ein Spiegelbild für die Entwicklung des jüdischen Friedhofs. Gau-Algesheim wurden 1332 erstmals Stadt- und Marktrechte verliehen. 1355 erhielt die Stadt dann zum zweiten Mal besondere Stadtrechte. Da es zu den Rechten und Pflichten einer Stadt zählte, Juden als Bewohner zu haben, verwundert es nicht, dass in einer Urkunde von 1334 der Einzug von Judensteuer belegt ist. Dies ist das erste Zeugnis dieser jüdischen Gemeinde. 1346 wird in einer Urkunde ein Weinberg im „Judensande“ erwähnt. Diese Gemarkung ist identisch mit dem 1358, 1397 und 1402 vorkommenden „Judenkirchove“, der Begräbnisstätte der Gau-Algesheimer Juden. 1348/49 ging die jüdische Gemeinde aufgrund der Pestverfolgung unter, was sich daraus schließen lässt, dass es in einem Dokument von 1358 heißt: „ Der Judenkirchove, der von den Juden derzeit nicht genutzt wird, ...“ Wann genau Juden sich wieder in Gau-Algesheim ansiedelten, ist nicht dokumentiert, erst im Jahre 1434 wird wieder ein Jude erwähnt: „Hiertz Gottschalcks Liche Sohn“, dem ein Schutzbrief ausgestellt wurde, denn Juden standen damals unter besonderem Schutz des Landesherren oder Kaisers. Der Judenhass wurde insbesondere während des Bauernkrieges 1525 geschürt, doch der Erzbischof Albrecht von Brandenburg trat größeren Ausschreitungen entgegen. Nach seinem Tode nahm die Judenfeindlichkeit wieder zu, 1587 wurde schließlich den Juden im Erzstift Mainz das Verleihen von Geld unter Androhung von Strafe verboten. Somit war ihnen eine der wenigen Einnahmequellen genommen worden, denn den Christen war es seit einem Laterankonzil des Mittelalters nicht gestattet, Geld zu verleihen. So verwundert es nicht, dass 1618 kein einziger Jude in einer Einwohnerzählung für Gau-Algesheim genannt wird. Da die Quellenlage für die Zeit des 30-jährigen Krieges sehr schlecht ist, lassen sich für diese Zeit keine Juden in Gau-Algesheim nachweisen. Nur die Erwähnung von jüdischen Familien in einigen Nachbargemeinden lässt den Schluss zu, dass es wieder Juden gegeben haben könnte. Erst 1679 gibt es nachweislich wieder Juden, da der Gau-Algesheimer Amtmann eine Verordnung, die Müller und Juden betreffend, erlassen hat, welche entsprechend dokumentiert ist. Anscheinend bestand im ausgehenden 17.Jahrhundert die jüdische Bevölkerung nur aus einer einzigen Familie, denn in einem Verzeichnis aller Häuser von 1687 ist die Rede von nur einem in jüdischem Besitz befindlichen Haus mittlerer Größe.

Aus lokalen Geschichtsbüchern lässt sich schließen, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde einigermaßen wohlhabende und akzeptierte Gau-Algesheimer waren, wenn sie auch mit den gewohnten Vorbehalten zu leben hatten. Die Gemeinde blieb während des gesamten 18. Jahrhunderts klein, weshalb nicht selten Männer aus den Nachbargemeinden kamen, um die vorgeschriebene Anzahl männlicher Gottesdienstteilnehmer zu erreichen.

Dies zeigt auch eine erhaltene Bevölkerungsstatistik aus dem Jahr 1771 für Gau-Algesheim: „Juden: 4 Männer, 3 Weiber, 4 Söhne, 1 Tochter“. Die Juden betrieben vor allem Vieh- und Weinhandel, einige müssen jedoch auch Handwerker gewesen sein, da Schriftstücke besagen, dass sie häufig von der Kirche zu Reperaturarbeiten herangezogen wurden.

1782 hatten die Juden im Erzbistum Mainz eine bürgerliche Besserstellung erreichten können, zur Zeit Napoleons hatten sie sogar fast die volle Gleichberechtigung erreicht.

Aber erst unter dem nach Napoleon herrschenden Großherzogtum Hessen erhielten die Juden schließlich schriftlich ihre volle Gleichstellung mit den Christen.

Dazu zählte allerdings auch der schon unter Napoleon für sie eingeführte Militärdienst.

Die Tabelle zeigt die wachsende Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Der Bau einer größeren Synagoge wurde nötig, 1861 wurde das Projekt in Angriff genommen.

Interessant ist dass auch jüdische Kinder die christliche Volksschule im äußerst katholisch geprägten Gau-Algesheim besuchten, jedoch ab 1841 wegen aufkommender Schwierigkeiten zusätzlich jüdischen Religionsunterricht erhielten.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die jüdische Gemeinde von einer kleinen Schar von Kaufleuten und Handwerkern zu einer großen, reichen und angesehenen Gemeinde entwickelt. Juden waren in fast allen örtlichen Vereinen Mitglieder und hatten nicht selten angesehene Positionen inne.

Man war um die Jahrhundertwende in Gau-Algesheim sehr bemüht, ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden herzustellen, aber gerade die Betonung des guten Verhältnisses bei zahlreichen öffentlichen Anlässen lässt ahnen, dass unter der Oberfläche nach wie vor Vorurteile und Antisemitismus vorhanden waren.

Die jüdischen Gemeinden der Umgebung hatte um 1880 eine Welle des Antisemitismus geschädigt, die jedoch an Gau-Algesheim vorüberzog.

Doch das alles sollte nur die Ruhe vor dem Sturm sein, und der traf die Juden in Gau-Algesheim ab 1933 um so härter.

Ein Beitrag von Frederik Heller und Robert Stern