275 Jahre  Rathaus Gau-Algesheim

Zwei Wappentafeln an der Frontseite und an der Eingangsseite verraten, „versteckt“ in einem sogenannten „Chronogramm“, hier in Versform als „Chronostichon“ gefasst, die Jahreszahl der Erbauung des Rathauses am historischen Marktplatz in Gau-Algesheim. Die Inschrift an der Frontseite, dem Marktplatz zugewandt, lautet:

PER SVECOS COMBVSTA
EN NO
VA REDIENS TOTA
VENVSTA.

 "Durch die Schweden verbrannt,
siehe neu erstanden bin ich wieder
ganz schön."

Darüber ist ein achtspeichiges Doppelrad mit einem Kreuz verbunden, von Palmzweigen umgeben. Die hervorgehobenen Buchstaben der lateinischen Inschrift ergeben in römischen Zahlen:

V = 5 + C = 100 + C = 100 + M = 1000 + V = 5 + V = 5 + D = 500 + I = 1 + V = 5 + V = 5

die Jahreszahl 1726.

Eine gleichlautende, in der Wortfolge etwas umgestellte Inschrift befindet sich ebenfalls als "Chronostichon" an der Eingangsseite:

PER SVECOS COMBV
STA EN TOTA REDIENS
NO
VA VENVSTA.

Auch hier ergeben die hervorgehobenen Buchstaben die Jahreszahl 1726.
Darüber ist ein sechsspeichiges Doppelrad mit einem Doppelkreuz verbunden.

Eine weitere Tafel im Innern über dem Treppenaufgang erwähnt neben der Jahreszahl auch den Kurfürsten und Erzbischof in dessen Regierungszeit der Wiederaufbau des Gebäudes vorgenommen wurde:

IN ET SVb
REG
IMINE TER GRATIOSO
LOTHARII FRANCISCI
ARCHIEPISCOPI ET PRINCIPIS
E
LECTORIS ERIGEbATVR.

"Während und unter der überaus angenehmen
Regierung des Erzbischofs und Kurfürsten
Lothar Franz errichtet."

Eine zweite Wappentafel zur Marktseite zeigt neben einem bis heute noch nicht zugeordnetem Steinmetzzeichen das sechsspeichige Stadtwappen, das Mainzer Doppelrad verbunden durch ein Kreuz, und die Jahreszahl 1480, vermutlich das Erbauungsjahr eines Vorgängergebäudes, das als Rathaus im Plan von 1577 des kurmainzischen Kartographen Gottfried Mascop eingezeichnet ist. Dieser Plan ist an der Ostseite des Rathauses vergrößert als Relief angebracht.

Heute befinden sich das Stadtbüro mit dem Amtszimmer des Stadtbürgermeisters im Erdgeschoss. Im 1. Obergeschoss sind der Ratssaal mit entsprechenden Nebenräumen, im Dachgeschoss das Büro der Volkshochschule, ein kleiner Sitzungssaal sowie ein Archiv untergebracht.

Die ursprünglich auch bei dem barocken Neubau von 1726 noch offene Erdgeschosshalle wurde 1819 unter Bürgermeister Eickemeyer als Unterstellmöglichkeit für die Feuerspritze und den Totenwagen zugemauert. Hier befand sich auch das Eichamt. 1904 wurden in die Außenwände gotisierende Fenster eingesetzt und zusätzlich Innenwände eingezogen und damit ein Windfang und drei Zimmer geschaffen.

Eine Säule der ursprünglich offenen Halle noch vom Vorgängerbau stammend, zeichnet sich an der Außenwand im Putz neben dem Eingang ab, ebenso die Rundbögen über den neugotischen Fenstern. Die beiden Allegorien, die die Marktseite unseres barocken Rathauses schmücken, sind von den vier Kardinaltugenden aus der griechischen Antike: Tapferkeit, Maßhalten, Gerechtigkeit und Klugheit hergeleitet. Die beiden an den Ecken aufgestellten Allegorien stellen die beiden Tugenden dar, die in diesem Haus immer walten sollten: Justitia, die Gerechtigkeit und Prudentia, die Klugheit. Beide allegorischen Figuren stehen auch als Symbole für die an dieser Stätte im Mittelalter ausgeübte Gerichtsbarkeit in unserer Stadt. Sie wurden nach Einschätzung des verstorbenen Restaurators Theodor Lempick, der die Figuren 1976 restaurierte, von dem Mainzer Hofbildhauer Peter Heinrich Hencke (+1777) geschaffen.

Den Abschluss bildet ein 1999 restaurierter Dachreiter mit barocker Haube auf dem Mansarddach über dem geschwungenen Giebel zur Marktseite hin. Das Türmchen wird von einem schmiedeeisernen Kreuz mit der Jahreszahl 1740 bekrönt auf dem eine vergoldete Madonna im Strahlenkranz in Anlehnung an das alte Gau-Algesheimer Gnadenbild im Marienaltar der Pfarrkirche gestaltet, als Wetterfahne angebracht ist. Ursprünglich hing auch einmal eine Polizeiglocke im Dachreiter, die spätestens 1917 mit den Kirchenglocken zu Kriegszwecken abgeliefert werden musste.

Der aufmerksame Betrachter von Rathaus und Marktplatz entdeckt eine interessante Blickachse, die von der Vorderseite unseres Rathaus in direkter Luftlinie durch die Langgasse zum Schloss Johannisberg auf der rechten Rheinseite führt. Ein symbolischer Hinweis auf die fast 600jährige Zusammengehörigkeit mit dieser Landschaft von 983 bis 1527. 1130 wird Algesheim erstmals in der Johannisberger Ministerialenversammlung erwähnt.

Manfred Wantzen